INFO: Anfang Mai vor 20 Jahren begann der Libanonkrieg von 2006, als die Hisbollah Israel für ein Attentat verantwortlich machte, dem ein Führer der islamistischen Bewegung Islamischer Dschihad zum Opfer fiel. Am 28. Mai 2006 eröffnete sie Raketen- und Mörserangriffe auf Militärfahrzeuge und eine Militärbasis in Israel, später auf den Norden Israels, Israel selbst antwortete mit Luftangriffen auf ein palästinensisches Flüchtlingslager im Libanon. Während der einmonatigen Kriegshandlungen gab es massive Zerstörungen in den südlichen Landesteilen, südlichen Teilen Beiruts und vereinzelten Zielen im Norden des Landes. Die UN-Resolution 1701 unterstellte eine internationalen Friedenstruppe UNIFIL der libanesischen Armee, deren Mandat Ende August 2025 endete. Der Abzug der Truppen soll bis Ende 2027 abgeschlossen sein. Währenddessen spitzt sich die Situation im Libanon weiter zu: Erneut lösten Angriffe der Hisbollah und Gegenschläge der israelischen Armee eine gefährliche Dynamik aus, die das Land zunehmend destabilisiert und die sich derzeit besonders eindrücklich in Beirut, im Süden des Landes und in der Bekaa-Ebene zeigt. Viele Familien fliehen deshalb aus ihren Heimatorten und suchen Schutz. Sie schlafen in Autos, Schulen, Moscheen und Kirchen oder unter improvisierten Zelten entlang der Küste.
Frank Wiegandt, der für Misereor im Libanon arbeitet, war bis Mitte März vor Ort und musste aus Sicherheitsgründen vor wenigen Tagen nach Rom ausreisen. In einer digitalen Veranstaltung berichtete er aus erster Hand von den Entwicklungen der letzten Wochen. Danach fehlt es den Menschen in der dramatischen Situation an überlebenswichtigen Dingen. Die Notunterkünfte sind überfüllt, syrische und palästinensische Geflüchtete werden zusätzlich benachteiligt. Zudem sind Frauen und Mädchen besonders betroffen. In überfüllten, schlecht ausgestatteten Unterkünften sind sie verschiedenen Risiken ausgesetzt: Mangelnde Privatsphäre und Sicherheit führen zu Belästigung, Ausbeutung oder geschlechtsspezifischer Gewalt. Gleichzeitig sind sie zunehmend für die Betreuung von Kindern, älteren Menschen und Menschen mit Behinderungen verantwortlich.
Misereor hat als Hilfsorganisation vielfältige, direkte Kontakte in die Krisengebiete, steht mit seinen Partnern an der Seite der Menschen vor Ort und setzt sich für sie ein. Die Partnerorganisationen sind dauerhaft im Einsatz und versorgen die Menschen in Gaza und dem Libanon mit Nahrungsmitteln, Schlafplätzen und medizinischer Unterstützung. Ein Augenmerk liegt dabei auf der Unterstützung und dem Schutz von Frauen und Mädchen. Außerdem unterstützen sie vor allem Kinder mit psychologischer Betreuung und ermöglichen Bildungsangebote. Die sind gerade jetzt entscheidend, um ihnen Hoffnung und Perspektiven für eine positive Zukunft zu geben.
Kontakt: Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V., Mozartstraße 9, 52064 Aachen, Telefon 0241 4 420, Fax 0241 442 188, E-Mail: info@misereor.de , E-Mail: spende@misereor.de . Internet: https://www.misereor.de , mehr: https://www.misereor.de/spenden/spendenaufruf-nothilfe-naher-osten
Libanon – Land der Zedern
Das Gebiet des heutigen Libanon – eine Wiege der frühen Zivilisation – gilt als biblisches „Land der Zedern“ und Heimat der Phönizier. Reiche kamen und gingen: Seit 63 v. Chr. war er Teil der römischen Provinz Syria und gehörte zum Oströmischen Reich der Byzantiner. Sie wurden 636 von den muslimischen Arabern besiegt und bis ins 11. Jahrhundert regierten die Kalifen der Umayyaden, Abbasiden und die 1071 von den Seldschuken vertriebenen Fatimiden. Die Kreuzfahrer errichteten nach dem 1. Kreuzzug 1109 die Grafschaft Tripolis, wurden um 1291 von den Mamelucken geschlagen und nach dem Untergang ihres Reiches kam der Libanon mit Syrien 1517 unter die Herrschaft der Osmanen. Christliche und jüdische Bevölkerungsteile konnten sich weitgehend behaupten, übernahmen Arabisch als Umgangs- und Bildungssprache.
Schon vor dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches und der Gründung der heutigen Türkei einigten sich die europäischen Großmächte über ihre Einflusszonen: Am 1. September 1920 proklamierte der französische General Henri Gouraud die Errichtung des Staates Großlibanon in seinen heutigen Grenzen, Beirut wurde Hauptstadt. Großbritannien erhielt die Völkerbundmandate für den heutigen Irak sowie für Palästina einschließlich der Gebiete östlich des Jordanflusses. Die Franzosen, die sich als Schutzmacht der Orientchristen verstanden, übernahmen nach der Konferenz von San Remo 1920 das Mandat für Syrien und Libanon. Die Verfassung von 1926 bestimmte ein ausgeklügeltes Proporzsystem der Religionen für Regierung, Präsident und Ministerpräsident und im neuen Staat Großlibanon, der 1943 als Republik Libanon unabhängig wurde, behielten Christen eine knappe Bevölkerungsmehrheit von 52 Prozent. Brachte die Proporzdemokratie in den ersten Jahrzehnten eine gewisse Stabilität, kam es bald zu wechselnden Allianzen, die Spaltungen vertieften sich. Anteil und Gewicht der vor allem maronitischen Christen sank, das Zahlenverhältnis der 18 anerkannten Konfessionen, sechs muslimische und zwölf christliche, änderte sich – eine Entwicklung, die in der Geschichte des Libanon zunehmend eine eskalierende Rolle spielte. Die Konflikte zwischen Drusen, Christen, Sunniten und Schiiten entluden sich im 15 Jahre dauernden Bürgerkrieg (1975-1990).
Die Reformunfähigkeit zwischen Klientelismus und Verteilungsungerechtigkeit brachte das Land der Zedern an den Rand eines vollständigen Zusammenbruchs. Monokonfessionelle politische Parteien unter Leitung familiärer Clans wurden zu exklusiven Vertretungen ihrer jeweiligen Religionsgruppe. Dazu kamen externe Einflüsse, etwa aus Syrien und Iran, der Schutzmacht der schiitischen Hisbollah-Miliz, die weite Teile des Landes kontrolliert und zum Staat im Staate wurde. Seit März 2020 ist der Libanon zahlungsunfähig. Corona-Beschränkungen legten die Wirtschaft zusätzlich lahm. Mit mehr als 1,5 Millionen syrischen Flüchtlingen, 40 Prozent Arbeitslosen und einer Währung im freien Fall beschleunigte die Explosion den Kollaps. Zu einer riesigen Staatsverschuldung kommen ungezählte Milliarden für den Wiederaufbau des Landes und Beiruts hinzu – ein Fanal für das Land, das im Grunde eine Schlüsselrolle im so instabilen und friedlosen Nahen Osten spielt.

