INFO: „Fürchte dich nicht“ – Was tun, gegen die Angst vor dem Krieg?
Sie ist da, ob wir wollen oder nicht. Die Angst vor einem möglichen Krieg. Die Bedrohungen durch Russland sind spürbar, die Bundeswehr reagiert darauf – die Wehrdienstpflicht ist nur eine von vielen Auswirkungen. Wie sollen wir nun mit dieser Angst umgehen? Darüber haben wir mit dem Therapeuten und Theologen Dr. Peter Wendl von der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt gesprochen. Er erforscht, wie sich belastende Ereignisse auf Partnerschaft, Familie und Erziehung auswirken.
Herr Wendl, Sie kooperieren eng mit dem Katholischen Militärbischofsamt für die Deutsche Bundeswehr. Ist es denn schon tatsächlich so, dass man sich auf den Ernstfall vorbereitet?
Na ja, wenn sie bedenken, dass keine 2 Flugstunden von hier entfernt Menschen stärken im Krieg, dann würde ich sagen, ist die Bedrohungslage schon deutlich zu spüren.
Heißt im Klartext: Wir müssen mit dem Ernstfall, mit Krieg rechnen. Das verursacht bei vielen Angst. Wie sollen wir damit umgehen?
Ängste kann man erstmal nicht nehmen – Ängste kann man teilen, das heißt, die wichtigste Voraussetzung ist, darüber auch wirklich zu sprechen. Was macht mir Angst, was kann konkret passieren, was kann ich davon beeinflussen? Ängste werden nicht vergehen, indem ich sozusagen die beiseite wischen, wenn sie die Augen schließen vor einem Hund, der sie anbellt und sie öffnen die Augen, wird der Hund immer noch bellen, das darf ein Kind, aber wir müssen tatsächlich eine Haltung entwickeln, das geht bis hinein in die Frage nach der Wehrpflicht beispielsweise, bis hinein in den Heimatverteidigung diese Fragen müssen. Denen müssen wir uns stellen, und die können wir nicht einfach nur von uns wegschieben.
Die Angst also nicht verdrängen, das ist schon mal das eine. Was aber können wir noch tun?
Ich würde mal als einen sagen, diese Ängste aussprechen. Lassen Sie uns diese Ängste teilen, wenn wir uns vorstellen, jetzt werden sie vielleicht überrascht sein, Hänsel und Gretel im Wald. Oder Gretel allein im Wald. Klingt banal, ist aber ganz elementar, wenn wir die Ängste und die Befürchtungen, die Bedrohungen, die real sind, wenn wir die einfach nur verdrängen, werden die nicht vergehen, und wir müssen uns diesen in der Familie stellen. Das Wichtigste ist, den Kindern auch beispielsweise den Raum zugeben, dafür braucht es einen Zeitpunkt, der nicht mit Angst übersäht ist. Sozusagen. Wir brauchen eine gute Zeit, um über diese Themen zu reden. Wir brauchen einen guten Ort, darüber zu reden, aber dann tritt der Hänsel und Gretel Effekt ein, dass wir miteinander stärker sind.
Und ich denke, wir müssen darauf achten, dass Kinder nicht von anderer Seite mit schlechten oder gar falschen Nachrichten überfüttert werden. Stichwort: Soziale Medien…
Das Wichtigste ist der kontrollierte Medienkonsum bei Kinder ungefiltert Informationen bekommen, die sie beispielsweise ja mit Achtjährigen am Smartphone überhaupt nicht verarbeitet bekommen, und das ist für uns schon schwierig, diese Erfahrungen aufzubereiten, deswegen einfach wirklich auch in den Familien darüber reden und sich dabei aber auch sicher machen, dass wir in einem Staat leben. Ja, für unsere Sicherheit auch sorgt. Wir leben in einem Rechtsstaat, der oft belächelt wird und übertragenen Sinne, würde ich sagen, dafür brauche ich vertrauen.
Da spricht jetzt der Theologe aus Ihnen. Vertrauen, das hat ja auch eine biblische Dimension.
Die Bibel gibt 366 mal ungefähr her. Fürchte dich nicht. Tatsächlich würde ich das schon ganz elementar allen Familien auch mitgeben, das Nötige tun, aber im Ernstfall würde ich tatsächlich schon auch dazu raten zu vertrauen, fürchte dich nicht und jetzt könnte man sagen, na ja, das ist ja eine feige Version, nein, ich glaub tatsächlich. Um eine krisenhafte Situation zu bewältigen, gemeinsam in der Familie, gemeinsam in der Gesellschaft, müssen wir aufeinander solidarisch schauen. Wie gehts dem links und rechts damit bitte auch sich nicht auslachen, wenn jemand Angst hat, denn Angst verliert seine dämonische Fratze wenn sie ausgesprochen werden darf und im letzten würde ich sagen, müssen wir uns auch fallen lassen. Dass wir nicht nur staatlich in guten Händen sind, das möchte ich mal betonen in Deutschland, sondern dass wir auch getragen sind in Gottes Händen.
Handreichung der Katholischen Universität EichstättIngolstadt: „Mit Kindern über den Krieg reden“ – https://www.ku.de/forschung/forschungsinfrastruktur/forschende-institutionen/zentralinstitut-fuer-ehe-und-familie-in-der-gesellschaft
Hier gibt es die Broschüre direkt zum Download
Bonn (KNA) Kennen Sie das? Ein Nachrichtenschnipsel im Netz droht Sie ernsthaft zu verstören: schon wieder Trump, Krieg in Europa, weltweit Hunger und Vertreibung. Schnell weiterscrollen – ein Katzenvideo ansehen, einem Freund schreiben oder Adventsdeko bestellen. Doch ein dumpfes Gefühl von Ohnmacht, von „Ratlosigkeit, Angst, Wut und Enttäuschung, Lähmung“ bleibt mitunter zurück: So schildert der Schriftsteller Daniel Schreiber die „umfassende Desillusionierung“, die viele Menschen beim Blick in die Welt empfinden.
Allerdings: Gerade deshalb sei es nicht naiv, über „politische Ideen von Liebe“ nachzudenken, wie der Autor es in seinem Essay „Liebe!“ tut. „Die Lösung fängt immer im Kleinen an“, schreibt er. Nächstenliebe, Anstand und Empathie könnten ansteckend wirken – auf Nachbarinnen, Freunde, Bekannte, Kolleginnen, politische Gegner, Fremde.
Mehr Mut zum Ausprobieren
Dazu gehört für den Philosophen Martin Bartenberger ein ordentlicher Schuss Pragmatismus. Erlernen lasse er sich durch ausprobieren, sagte Bartenberger kürzlich der Zeitschrift „Psychologie Heute“. Wer dies akzeptiere, könne auch in Krisenmomenten zuversichtlich und handlungsfähig bleiben. „Wir sollten versuchen, offen zu bleiben, falls nötig den eingeschlagenen Kurs korrigieren und darauf vertrauen, dass wir dadurch unsere Situation verbessern können.“ Ein alltägliches Beispiel: Man halte es für eine gute Idee, „mit unseren Kindern am Nachmittag in den Zoo zu fahren. Doch schon auf dem Weg dorthin merken wir, dass die Kinder müde und schlecht gelaunt und wir selbst auch ziemlich geschlaucht sind. Wir brechen den Versuch, zum Zoo zu fahren, also ab und fahren stattdessen zu unserer nahegelegenen Lieblingseisdiele.“ Dann sei aus dem Zoobesuch zwar nichts geworden, so Bartenberger. „Aber weil wir unseren ursprünglichen Plan nicht auf Biegen und Brechen durchgezogen haben, haben wir doch noch einen schönen Nachmittag verbracht.“
Mit Sorgen ist man heutzutage nicht allein
Die Coachin Vivian Mary Pudelko wirbt zudem dafür, Verletzlichkeit zuzulassen. Sie sei „ein verlässlicher Begleiter in unserem Leben – eben nicht nur in Krisensituationen oder außergewöhnlichen Momenten“. Gleichzeitig gelte es, das im Blick zu behalten, das gut und heil sei – gerade weil Stress und Verluste sich nicht vermeiden ließen. Hilfreich sei zudem die Erkenntnis: „Wir sind nicht allein, auch wenn es sich oft danach anfühlt.“ Wer sich dies vor Augen halte, könne leichter „darauf vertrauen, dass wir am Leben wachsen und reifen können“, schreibt sie in ihrem Ratgeber „Kann ich das?“. Die Trauerrednerin Louise Brown wiederum hat festgestellt, dass das Leben nicht so schlecht ist, wie man manchmal glaube. In ihrem Buch „Zuversicht. Von den kleinen Wundern des Lebens“ schildert sie, dass sie damit begonnen habe, sich alles Gute in ihrem Alltag auf kleine Zettel zu schreiben. Das Resultat: Mit jeder Notiz erfahre sie einen kleinen Auftrieb – der auch dann noch nachwirke, wenn sich der Alltag wieder zuziehe. Seitdem sie damit begonnen habe, Schönes und Positives festzuhalten, fielen ihr immer mehr Dinge ein, die sie berührt hätten. „Und auch das ist mir durch diese Übung deutlich geworden“, schreibt Brown: „dass ich mich scheinbar öfter am Tag freue, als ich es vermutet hatte.“ Für sie sei diese Erfahrung, als ob sie mit den kleinen Notizen eine Brille aufgesetzt bekommen habe, die sie erst erkennen lasse, was ihr im Alltag alles Freude schenke.
Gedichte statt Lärm
Bewusstes nach Innen schauen und sich in Dankbarkeit üben, anstatt sich vom Lärm im Außen treiben zu lassen, dazu rät auch der Benediktinerpater Anselm Grün. „Viele feiern den Jahreswechsel mit Lärm“, sagt er. Lärm komme vom italienischen Wort „all’arme“, zu Deutsch: zu den Waffen. „Wir wollen uns im Lärm schützen vor den Gedanken, die da in uns auftauchen“, erklärt der Benediktinerpater im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Doch das ist ein Verdrängen. Zum Jahreswechsel sollten wir bewusst innehalten und dankbar auf das vergangene Jahr schauen, um dann voller Hoffnung in das neue Jahr gehen zu können.“
Einen ganz praktischen Tipp für die ruhigere Zeit am Jahresende hat Holger Pils, Leiter des Lyrik Kabinetts in München. Er ist sich sicher, dass das Lesen von Gedichten trösten kann – auch wenn einem das eigene Dasein zu schaffen macht: „Sie können Halt geben – für den Moment oder fürs Leben. Häufig werden Dinge ausgedrückt, die einen ansprechen, weil man sich mit ihnen identifizieren kann. Etwas, das man gesehen oder gefühlt hat, aber sprachlich noch nie so denken konnte.“
Bücher: Martin Bartenberger: Was tun, wenn man nichts tun kann? Pragmatische Philosophie für herausfordernde Zeiten, Beltz Verlag, Weinheim 2025, 240 Seiten, 21 Euro.
Louise Brown, Zuversicht. Von den kleinen Wundern des Lebens, Diogenes Verlag, Zürich 2025, 217 Seiten, 25 Euro.
Vivian Mary Pudelko: Kann ich das? Resilienz und Verletzlichkeit, Kremayr & Scheriau 2025, 208 Seiten, 25 Euro.
Daniel Schreiber: Liebe! Ein Aufruf, Hanser Verlag, Berlin 2025, 160 Seiten, 22 Euro.

