Hagar

  • 22.08.2026

Der Beitrag zum Nachlesen:

Eine Frau läuft durch die Wüste. Schwanger und allein, auf der Flucht. Sie heißt Hagar, ist Ägypterin und Sklavin im Haushalt von Abraham und Sara. Sie wird benutzt und schlecht behandelt, bis sie es nicht mehr aushält und wegläuft. In der Wüste, am Ende ihrer Kraft, an einer Quelle, begegnet ihr ein Engel. Und Hagar sagt einen Satz, der mich seit Jahren nicht loslässt: Du bist ein Gott, der mich sieht.

Diese Geschichte steht ganz am Anfang der Bibel. Eine versklavte Frau, in den Augen der anderen Besitz, mit einem Namen, der übersetzt „die Fremde“ bedeutet. Und ausgerechnet sie ist die erste und einzige in der Bibel, die Gott einen Namen gibt. Weil sich zum ersten Mal jemand für sie interessiert.

Morgen ist der internationale Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel. Über Jahrhunderte wurden Millionen Menschen verschleppt und wie Ware verkauft. Namenlos gemacht. Hagars Geschichte ist tausende Jahre alt und klingt trotzdem vertraut: Menschen erklären andere Menschen zu Besitz.

Erinnern heißt für mich, sie wieder sichtbar zu machen. Ihre Namen sagen. Hinschauen, wo Menschen bis heute benutzt und weggeschickt werden, auf Feldern und in Haushalten, oft ohne Papiere.

Hagar wurde gesehen, als niemand sonst hinsah. Das nehme ich mit in diese Tage: Kein Mensch ist unsichtbar. Niemand ist Ware.

  • Max Testermann
  • Red
Hagar
  • AM260822