Jahrhunderte Tradition: Glockenguss

  • 10.09.2026

INFO: Sinn (KNA) Ihr Klang reicht weit: Fröhlich bimmelnd oder streng mahnend, doch unverwechselbar. Kirchenglocken müssen aus besonderem Metall sein, sollen sie schwingend erklingen. Doch der Guss einer Glocke ist auch 2022 ein Handwerk und keine Hightech-Angelegenheit. Das wird jedem klar, der die Werkstatt der Glocken- und Kunstgießerei Rincker im kleinen mittelhessischen Ort Sinn betritt.

Der seit 1590 bestehende Betrieb ist nach Angaben von Mitinhaber Fritz Georg Rincker nicht nur die älteste Glockengießerei in Europa in Familienbesitz. „Inzwischen sind wir weltweit die älteste Glockengießerei überhaupt“, sagt Rincker der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Denn das Londoner Unternehmen Whitechapel Bell Foundry, das lange diesen Weltrekord hielt, wurde 2017 geschlossen.

In der urtümlichen Werkstatthalle von Rincker brodelt der kreisrunde Schmelzofen unter Neonröhren fauchend seit dem frühen Morgen. Rund 500 Kilogramm Metall werden hier eingeschmolzen: Keine Goldbarren, aber Barren aus Kupfer und Zinn, die bei höllischen 1.100 Grad Celsius flüssig werden. „78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn – diese Glockenbronze ist die ideale Legierung für jede Glocke“, verrät Fritz Georg Rincker, der den Familienbetrieb mit seinem Bruder Hanns Martin führt.

Zunächst wirkt alles noch recht unspektakulär: Denn die drei Kirchenglocken, die gegossen werden sollen, sieht man nicht in ihrer Entstehung. Vom Schmelzofen führen drei – etwa 20 Zentimeter breit gemauerte – Kanäle zur Gießgrube, in die aus Lehm gebrannte Formen der drei Glocken tief eingegraben sind. „Fest gemauert in der Erden – steht die Form, aus Lehm gebrannt“, dichtete schon 1799 Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke“.

Hydraulisch wird zunächst der Schmelzofen schräg gekippt: Das glühend heiße, flüssige Metall – leuchtend orange wie ein Lavastrom – plätschert in den ersten Kanal. Am Ende jedes der drei Kanäle verschließt eine Eisenstange das Eingussloch der vergrabenen Glockenform aus Lehm – bei der das, was später die Metallglocke wird, millimetergenau ausgespart ist.

Vier Mitarbeiter mit Schutzanzügen, rotem Helm und einem Visier vor den Augen stehen auf der festgetretenen Erde. Als einer von ihnen die erste Eisenstange zieht, fließt die „Lava“ funkensprühend und laut gurgelnd in die unterirdische Form. Der Vorgang wird bei der zweiten und der dritten Glocke wiederholt. Die paar Quadratmeter Erde des Geschehens sehen nun aus wie ein verbrannter Grillplatz.

Sechs bis acht Wochen hatte es gedauert, die Lehm-Glockenformen herzustellen. Der Guss der drei Metallglocken selbst braucht dann gerade einmal fünf Minuten. „Die Glocken werden im Endeffekt genauso gefertigt wie vor 1.000 Jahren, als die Glocke durch Wandermönche nach Europa kam“, so Rincker. Die Mönche hatten im asiatischen Raum das Fertigen des Gongs gelernt.

Bei Rincker werden die Glocken auf einen Sechzehntel Halbton genau gegossen. Aber: „Den Ton, den man hört, gibt es gar nicht“, sagt Rincker. „Das ist eine Mixtur mehrerer Töne.“ An welcher Stelle die Glocke wie stark sein muss, damit sich die entsprechenden Teiltöne bilden, ist viel Mathematik und letztlich „Gießergeheimnis“. In Sinn wird es in der 14. Generation weitergegeben.

Erst drei Tage nach dem Guss beginnen die Mitarbeiter, die erkalteten Glocken auszugraben. Für den Familienbetrieb Rincker ist das Glockengießen kein Handwerk wie jedes andere. Vor dem Firmengebäude steht eine zwei Meter große Christus-Statue mit ausgebreiteten Händen. Mehr als 20.000 Glocken hat die Firma schon gegossen – seit 1859, dem Beginn der Zählung.

Doch das Renommee lockt auch Diebe an. Im Juni 2022 waren Unbekannte in die Glocken- und Kunstgießerei eingedrungen und stahlen hochwertige Metalle, Glocken und Kunstwerke. Auch unabhängig von diesem Schock für die Firma gilt: Heute wird man mit dem Glockengießen nicht mehr reich. „Das ist ein Verlustgeschäft“, sagt Rincker. Die Metallpreise seien zuletzt extrem gestiegen.

Rinckers Betrieb mit rund 20 Mitarbeitern verdient Geld heute zwar auch mit der Herstellung von Glocken und der Wartung von ganzen Glockenanlagen, vor allem aber mit der Kunstgießerei. Bekannt wurde etwa die lebensgroße Elvis-Presley-Bronzestatue in Bad Nauheim. Mehrere 3D-Drucker setzt Rincker heute in der Kunstgießerei ein – also Hightech. Doch die Glocken werden gegossen wie seit tausend Jahren – aus glühend heißem, flüssigem Metall.

  • Stefan Klinkhammer
  • Red
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