INFO: Telgte (pbm/acl). Ein Jesuskind liegt inmitten von grauem Bauschutt – geborgen in einer Schubkarre, eingehüllt in eine Pusteblume. Das Werk der Künstlerin Simone Thieringer ist eines der eindrucksvollsten in der neuen Krippenkunst-Ausstellung im Museum Relígio in Telgte. Es steht sinnbildlich für das diesjährige Thema: „Hoffnung“. Wo sonst das Kind in der Krippe Licht und Geborgenheit ausstrahlt, ruht es hier zwischen den Trümmern einer zerstörten Welt. Und doch blüht über ihm die Pusteblume – ein Symbol für das, was bleibt, wenn vieles verloren scheint.
„Wir haben lange um diesen Titel gerungen“, erzählt Museumsleiterin Dr. Anja Schöne. „Er sollte nicht nur die Künstlerinnen und Künstler inspirieren, sondern auch die Besucherinnen und Besucher berühren. ‘Hoffnung‘ ist eines der wichtigsten Worte unserer Zeit.“ Tatsächlich scheint das Thema in diesem Jahr einen Nerv getroffen zu haben: Knapp hundert Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland zeigen in Telgte ihre ganz persönlichen Deutungen von Hoffnung.
Viele Werke greifen die aktuellen Krisen der Welt auf: Krieg, Flucht, Klimawandel. Die Geburt Christi wird nicht als vergangenes Ereignis dargestellt, sondern als Botschaft für die Gegenwart. So begegnen die Besucher etwa einer Mutter, die wie eine moderne Pietà inmitten zerstörter Häuser sitzt, oder Kindern, die aus einem Rucksack Krippenfiguren auspacken – kleine Szenen, die Trost spenden und Fragen aufwerfen.
Ein Motiv zieht sich durch viele Arbeiten: der Anker. Als klassisches Symbol für Glaube, Liebe und Hoffnung taucht er in ganz unterschiedlichen Formen auf – aus Holz gesägt, in Metall modelliert oder in Installationen als Verbindung von Erde und Himmel inszeniert. „Der Anker ist in diesem Jahr das wichtigste Symbol“, sagt Schöne. „Er steht für das Festhalten – an Werten, an Menschlichkeit, an der Zuversicht, dass es weitergeht.“
Neben den zeitgenössischen Werken würdigt die Ausstellung auch die Künstlerin Mechthild Mundry-Arens, die seit über drei Jahrzehnten regelmäßig in Telgte ausstellt. Ihre fein gearbeiteten Gemälde und Plastiken verbinden Glauben und persönliche Erfahrung in einer ausdrucksstarken Bildsprache. Außerdem gibt die Ausstellung einen Einblick in die Schenkung der Sammlerin Sabine Brunner, die über Jahrzehnte religiöse Volkskunst gesammelt hat.
Und noch ein Jubiläum wird gefeiert: Die Landesgemeinschaft der Krippenfreunde in Rheinland und Westfalen blickt auf ihr 100-jähriges Bestehen zurück. Der Verein engagiert sich bis heute für die Bewahrung der Krippentradition und strebt an, das Aufstellen von Krippen als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkennen zu lassen – ein weiterer Ausdruck jener Hoffnung, die durch alle Zeiten trägt.
Öffnungszeiten: Die 85. Krippenkunst-Ausstellung „Hoffnung“ kann bis Sonntag, 25. Januar, besucht werden. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet, auch am 1. Weihnachtstag (25. Dezember) und an Neujahr von 14 bis 18 Uhr. Am 24. Dezember und 31. Dezember bleibt das Museum geschlossen. Weitere Informationen im Internet auf www.museum-religio.de . (Ann-Christin Ladermann)
Krippe
Die Krippe als Darstellung der Geburt Christi gehört zu den vertrauten Symbolen in der Weihnachtszeit. Im frühen Christentum wird als Geburtsort Jesu Christi eine Höhle in Bethlehem verehrt, die mit der um 335 von der hl. Helena errichteten heutigen Geburtskirche überbaut wurde. Zunächst findet sich auf Malereien nur das Jesuskind mit den zwei Tieren Ochs und Esel dargestellt, erst um 500 wird die Szene auch mit dem Besuch der drei Magier aus dem Morgenland verbunden. Die Motive folgen den Berichten aus dem Matthäus- und besonders aus dem Lukas-Evangelium (jeweils Kapitel 1 und 2), in denen die Geburt Jesu erwähnt wird, der in einem Stall in einen Futtertrog (Krippe) gelegt wird. In den Evangelien werden der Ochse und der Esel zwar nicht genannt, jedoch gehören sie früh in den Zusammenhang mit anderen biblischen Texten wie Jesaja 1,3.
Ob tatsächlich der hl. Franz von Assisi der Begründer der Krippendarstellung von heute ist, ist nicht zweifelsfrei nachgewiesen. Er stellte das Weihnachtsgeschehen 1223 in Greccio mit lebenden Tieren und Menschen nach. In Klöstern und Burgen nimmt im Mittelalter die Darstellung der Krippenszene zu, vor allem in der Gegenreformation wird sie von Ordensgemeinschaften popularisiert. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verbreiten sich Krippen in adeligen und bürgerlichen Kreisen und stehen im Mittelpunkt katholischer Weihnachtsfeiern. Krippen aus Italien, vor allem Neapel, werden auch zunächst im Süden Deutschlands stilbildend. Die ausufernden Szenen werden um 1780 in Österreich mehrfach verboten, doch wird die Krippe nun zunehmend auch im privaten Raum aufgenommen. Massenanfertigungen aus preiswertem Material wie Gips machen sie für breite Schichten erschwinglich. Aufgestellt wird sie eigentlich erst an Heiligabend und bleibt bis zum Fest der Taufe Jesu am 6. Januar stehen, manchmal auch bis zum Ende des Weihnachtsfestkreises an Maria Lichtmess am 2. Februar.
Museum RELíGIO – Westfälisches Museum für religiöse Kultur
In unmittelbarer Nachbarschaft zur kleinen, barocken Wallfahrtskapelle hat sich das Heimathaus Münsterland zu einem populären Museum und Kulturinstitut entwickelt. Das Museum RELíGIO, 1934 von Paul Engelmeier als Wallfahrts- und Heimatmuseum gegründet, zeigte zunächst zeitgenössische Krippen zur Weihnachtszeit und Ausstellungen zu christlicher Kunst. Seit 1974 ist das Museum eine GmbH in Trägerschaft des Kreis Warendorf, des Bistums Münster, der Stadt Telgte, der Stadt Münster und der Handwerkskammer Münster. Es präsentierte volkskundliche Ausstellungen zu verschiedenen Themen wie zum Schützenwesen, Handwerk oder zur Marienverehrung und wurde 1983 mit einem großen Erweiterungsbau vergrößert. Als wissenschaftlich geführtes Museum veröffentlicht das Haus eine Schriftenreihe zur religiösen Kultur, zeigt eine Dauerausstellung zur Krippenkunst und Sonderausstellungen, etablierte sich ab 2000 als „Museum RELíGIO“ und richtet sich in seinen Ausstellungs- und Vermittlungsangeboten zunehmend an ein säkulares und multireligiöses Publikum. Zu den Highlights
Öffnungszeiten: Montag geschlossen, Dienstag bis Sonntag: 11-18 Uhr. Für angemeldete Gruppen und Schulklassen sind auch weitere Termine möglich. Auskünfte und Terminbuchungen unter Tel. 02504 / 93120. Sonderöffnungszeiten: Karfreitag bis Ostermontag von 11-18 Uhr, Pfingstmontag 11-18 Uhr. Eintrittspreise: Erwachsene 5 Euro, ermäßigt 4 Euro*, Kinder und Jugendliche bis 21 Jahre: Eintritt frei, Teilnehmer Gruppenwallfahrten: 2,50 Euro, *Ermäßigung für Gruppen ab 12 Personen, Studierende und Mitglieder des Heimatvereins Telgte. Erwachsenengruppen: Führung 60 Minuten 50 Euro, Führung 90 Minuten 70 Euro, (Gruppenstärke bis 20 Personen), Führung für Schülerinnen und Schüler 30 Euro, (bis 20 Personen), Führungen in englischer Sprache und für Sehbehinderte möglich. Öffentliche Führung am zweiten Sonntag des Monats um 15 Uhr. Eintrittskarten gelten ganztägig. Jeden letzten Samstag im Monat freier Eintritt. Das Museum kann zwischendurch verlassen werden. Blinden- und Demenzbegleitung haben kostenlosen Eintritt. Eine Online-Führung präsentiert Ihnen die wichtigsten Objekte aus der Schausammlung. Sie ist zu hören oder in Deutsch und Englisch zu lesen. Ein Download ist nicht erforderlich. Zur WebApp
Kontakt: RELíGIO, Westfälisches Museum für religiöse Kultur, Herrenstr. 1-2, 48291 Telgte, Tel. 02504 / 93120, E-Mail: museum@telgte.de, Internet: www.museum-religio.de .
Wallfahrtsziel Telgte
Jedes Jahr finden große regionale Wallfahrten zur über 600 Jahre alten Telgter Muttergottes statt. 1651 ordnete Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen für den 2. Juni eine Prozession der Städte Münster und Warendorf zum Telgter Gnadenbild an, drei Jahre später ließ er die Wallfahrtskapelle errichten. Von 1658 bis 1663 folgte entlang der heutigen Bundesstraße 51 von Münster nach Telgte der Bau des historischen Wallfahrtsweges mit fünf doppelseitigen Bildstöcken zu Stationen aus dem Leben Mariens, ebenso findet sich ein Wallfahrtsweg mit Bildstöcken entlang der Bundesstraße 64 von Warendorf in Richtung Telgte. Nachdem Fürstbischof Friedrich Christian von Plettenberg 1701 auch den Kirchengemeinden im westlichen Münsterland die Wallfahrt nach Telgte anordnete, kam es zu einem Aufschwung der Prozessionen. Heute machen über 150.000 Pilger Telgte zur größten Wallfahrtsstadt des Münsterlandes. Drei historisch gewachsene große Wallfahrten gehen von Münster, Osnabrück, Rheine und Warendorf aus. Die Osnabrücker Wallfahrt ist mit regelmäßig 7.500 Teilnehmern die größte Wallfahrt im deutschsprachigen Raum. Auch die Heimatvertriebenen aus Glatz (Niederschlesien) veranstalten jährlich eine Wallfahrt nach und in Telgte.
Gegenstand der Verehrung der Pilger ist das Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes der Propstei- und Wallfahrtskirche St. Clemens. Es wurde um 1370 aus Lindenholz geschaffen und zeigt eine Pietà, den Leichnam des vom Kreuz abgenommenen Christus im Schoß seiner Mutter Maria. Ursprünglich wurde das Gnadenbild den örtlichen Flurprozessionen (Bittprozessionen) vorangetragen 1904 nahm Papst Pius X. sie in das Verzeichnis der weltweit anerkannten Gnadenbilder auf und ließ sie durch den damaligen Kölner Erzbischof Anton Kardinal Fischer mit einer goldenen, edelsteinbesetzten Krone krönen. Die Krönung wurde zum Höhepunkt des 350-jährigen Jubiläums der Telgter Wallfahrt am 3. Juli 2004 erneuert.

