Morgens um 6: Ein Dorf singt Weihnachtslieder


Kerstin Gall ist 54 Jahre alt und singt schon seit ihren Kindertagen mit: „Das kriegt man mit in die Wiege gelegt. Es ist nicht immer einfach, sich morgens um diese Uhrzeit aufzuraffen. Aber für uns Eichelsdörfer gehört das zu Weihnachten dazu.“ So sieht es auch der Ortsvorsteher von Eichelsdorf, Werner Rau. Er ist inzwischen 74 Jahre alt und möchte das Spektakel nicht missen: „Solange ich die Füße bewegen kann und klar im Kopf bin, gibt es nur eins: Am 25. Dezember um sechs Uhr auf der Brücke stehen. Das geht nicht anders.“

Das Weihnachtssingen in Eichelsdorf soll es schon seit etwa 1750 geben. Das Örtchen liegt knapp 50 Kilometer nordwestlich von Frankfurt, ist ein Stadtteil von Nidda und hat gut 1.200 Einwohner. Begleitet von Glockenläuten treffen sich zwischen 50 und 100 Bürgerinnen und Bürger immer am 1. Weihnachtsfeiertag an der oberen Eichelbrücke. Von dort geht es knapp zwei Kilometer durchs Dorf, und an sieben Stellen wird dann gesungen, erzählt Ortsvorsteher Werner Rau: „Das ist eine ganz besondere Atmosphäre, wenn man durch den Ort geht und sieht die Weihnachtsbäume in den Wohnstuben leuchten, überall diese Lichter! Und wenn man morgens hinkommt und ist einer der ersten, dann grüßt man sich untereinander mit »Frohe Weihnachten«. Es ist so, als wenn man sich in einer Familie trifft.“

Seit dem Rekordjahr 2016 mit 118 Teilnehmern sind die Zahlen in den letzten Jahren etwas zurückgegangen. Deshalb freuen sich die Eichelsdörfer auch über Mitsänger „von außerhalb“. Kerstin Gall hofft: „Vielleicht gibt es dadurch, dass wir darüber erzählen, auch mal die Möglichkeit, dass vielleicht einer sagt: »Ach, ich guck mir das mal an und entscheide dann, das möchte ich wieder machen.« Das wäre natürlich das Optimum.“ Also: Wer Zeit hat, ist im nächsten Jahr am 1. Weihnachtstag herzlich eingeladen zum Mitsingen in Eichelsdorf.

  • 26.12.2025
  • Manfred Rütten
  • Red
Ein Dorf singt Weihnachtslieder
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