Olympischer Geist: Schnellster Mann der Welt

  • 01.08.2026

INFO: Berlin (KNA) „Über dem Häusermeer Berlins zittert die Erwartung unerhörter Ereignisse. Die Takte der deutschen Olympiade schlagen in den Glockenklang der ersten Morgenstunde.“ In triefendem Pathos ließ „Sportschriftleiter“ Walter Richter zusammen mit seinem Team die Olympischen Sommerspiele von 1936 in Berlin kurz nach deren Ende Revue passieren. Richter war für den „Cigaretten-Bilderdienst“ aus Hamburg-Bahrenfeld unterwegs – damals so etwas wie die Panini-Alben für den Fußballfan von heute. Hinter der vermeintlich heilen Fassade des Sports lauerten jedoch, mehr noch als in unseren Tagen, düstere Abgründe.

Dunkle Wolken stehen an jenem 1. August vor 90 Jahren am Himmel, als nach Festgottesdiensten im Berliner Dom und in der Hedwigskathedrale die Spiele im nationalsozialistischen Deutschland beginnen. Adolf Hitlers Propagandastrategen, allen voran Joseph Goebbels, verfolgen vor allem ein Ziel: das Regime, das im Innern schon damals brutal gegen Juden und Oppositionelle vorgeht, als friedliebend und weltoffen darzustellen.

Die 3.963 Aktiven, die Honoratioren und Stars, aber auch die einfachen Zuschauer aus nah und fern sehen nichts von den antisemitischen „Stürmer“-Parolen. Die Verantwortlichen haben vorsorglich verboten, das Hetzblatt auf den Straßen Berlins zu verkaufen. Stattdessen will man die Öffentlichkeit mit technischer Akkuratesse und deutscher Gründlichkeit blenden.

Im Olympiastadion lässt die reichsparteitaggestählte Regisseurin Leni Riefenstahl gut sichtbar imposante Kameras platzieren, die das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven einfangen. Im westlich von Berlin gelegenen Olympischen Dorf in Elstal – übrigens die erste Einrichtung dieser Art mit festen Unterkünften – gilt unterdessen die Devise: „Jedes Schräubchen zeugt von der deutschen Werkmannsarbeit.“

Von einer Machtdemonstration spricht Buchautor Oliver Hilmes in seinem unlängst erschienenen Kaleidoskop „Berlin 1936“: „Mit einer Industrienation, die zu solchen Ingenieursleistungen fähig ist, sollte man sich besser nicht anlegen.“ Bis 16. August wird Berlin zum Nabel der Welt. Rund 1.800 Journalisten aus 59 Ländern berichten über die Wettkämpfe. Das Nachtleben erinnert an die wenigen Goldenen Jahre der Weimarer Republik. Auch die NS-Größen versuchen, sich gegenseitig mit rauschenden Partys zu übertrumpfen.

Goebbels, Herrmann Göring und Joachim von Ribbentrop geben private Empfänge. Zu den Gästen gehört die US-Schwimmerin Eleanor Holm Jarrett, wegen übermäßigen Alkoholgenusses kurz vor den Spielen gesperrt und nun als Society-Reporterin unterwegs. Sie habe einen „Riesenspaß“ bei den Feiern gehabt, zitiert Hilmes aus ihren etwas unbedarften Erinnerungen. „Göring war witzig und sympathisch, wie auch der andere mit dem Klumpfuß.“

Und Hitler? Selbst bei dem menschelt es, wenn auch unfreiwillig. Bilder der „Kussattacke“ von Carla De Vries gehen um die Welt. Die Touristin aus den USA drückt dem wild grimassierenden Führer einen Kuss auf die Wange – während das Publikum im Stadion in Gelächter ausbricht. „Herr Hitler von erregter Frau geküsst“, titelt die Presse im Ausland. De Vries selbst gibt zu Protokoll: „Er sah so freundlich und gütig aus.“ So kann man sich täuschen.

Der eigentliche Star ist ohnehin ein anderer. Der schwarze „Wunderläufer“ Jesse Owens, ebenfalls aus den USA, drückt den Spielen seinen Stempel auf. Siege über 100 und 200 Meter, im Weitsprung und dazu noch in der 4×100-Meter-Staffel machen ihn zum König der Leichtathletik. Das Olympische Dorf, heute ein Freilichtmuseum, hält das Andenken an ihn wach. Haus Nummer 104, wo er gewohnt haben könnte – exakte Angaben gibt es nicht mehr – ist so etwas wie eine Pilgerstätte für seine Fans.

Während sich Owens und Kollegen in dem Dorf in der Döberitzer Heide auf die Wettkämpfe vorbereiten, sammelt sich wenige Kilometer entfernt die Legion Condor. Die Fliegerstaffel sollte 1937 durch die Bombardierung der Stadt Guernica während des Spanischen Bürgerkriegs in die Geschichte eingehen. Die vermeintlich harmlosen Zigarettenbilder lagen da ganz auf Linie. Mit „Raubstaat England“ war 1941 der letzte Band aus Hamburg betitelt.
Von Joachim Heinz (KNA)

Buch: Oliver Hilmes, „Berlin 1936. Sechzehn Tage im August“, Siedler Verlag, München 2016, 19,99 Euro.

  • Christof Beckmann
  • Red