„Politisches Pilgern“ mit der Caritas

Von Stefan Klinkhammer (kath.) Sprechen und Zuhören geht besonders gut, wenn man zusammen geht - das ist nicht nur im realen Leben so, sondern das zeigt auch die politische Pilgeraktion der Caritas in NRW. In dieser Woche geht es weiter.

  • 05.10.2026

INFO: Sprechen und Zuhören geht besonders gut, wenn man zusammen geht – das hat die politische Pilgeraktion der Caritas in NRW auf ihrer Etappe rund um Warendorf eindrucksvoll gezeigt. 50 Menschen aus Gesellschaft, Politik und Kirche machten sich auf den Weg nach Freckenhorst, um die gemeinsame Strecke für Gespräche und Diskussionen zu nutzen. Mit im Rucksack: Jede Menge Informationen über die Arbeit verschiedener Caritas-Einrichtungen und der Blick auf aktuelle sozialpolitische Themen.

„Es gilt in der heißen Phase der Sozialstaatsreformen gemeinsam Lösungen zu finden“, sagte Diözesancaritasdirektor Dominique Hopfenzitz aus Münster am Startpunkt beim Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) in Warendorf. Er forderte dabei auch auf, ehrlich die Frage zu beantworten, was die Gesellschaft mit Blick auf die demografischen Entwicklungen künftig an sozialen Leistungen noch finanzieren kann. „Wir wollen uns in dieser Diskussion für die vulnerablen Gruppen einsetzen, für die wir mit unseren Einrichtungen und Hilfen da sind.“

Wie wichtig diese Angebote sind, wurde bereits an dieser ersten Station deutlich. Die Teams in der Sucht- und Drogenberatung, der Allgemeinen Sozialberatung und der Wohnungsnothilfe stellten ihre Arbeit vor. Auch ein junger Klient schilderte seinen Weg aus einer schwierigen Lebenssituation mit Hilfe des SKM. „Es ist immer wieder so beeindruckend wie wichtig, unmittelbar von dieser Arbeit zu hören“, sagte Hopfenzitz. „Nur so können wir uns im politischen Diskurs für den unverzichtbaren Einsatz vor Ort stark machen.“

Auch Weihbischof Dr. Stefan Zekorn sah darin eine zentrale Aufgabe von Kirche. „Wir brauchen in der Gesellschaft das Wissen, warum soziale Arbeit wichtig ist, denn der Rückhalt dafür ist leider nicht groß.“ Es fehle vielerorts das Bewusstsein für die Leistung caritativer Arbeit in ihrer vielfältigen Form. „Wir müssen deutlich machen, dass wir diese Leistung nicht einfach zurückfahren können, weil wir alle irgendwann, spätestens im Alter, darauf angewiesen sein werden.“ Kirche müsse sich für Menschen in Not stark machen. „Die Caritas steht für diesen Auftrag.“

Mit den Impulsen dieser ersten Diskussion und dem Pilgersegen des Weihbischofs ging es dann auf die etwa fünf Kilometer nach Freckenhorst. Und damit in die bewegte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Themen. In den kleinen und größeren Laufgruppen ging es um das aktuelle politische Klima, um bürokratische Hürden für soziale Angebote, um Finanzierungsprobleme oder um die Sozialstaatsreformen. In Freckenhorst wurden die Pilger schließlich von Mitarbeitenden der Freckenhorster Werkstätten begrüßt. Sie schlossen sich für den letzten Streckenabschnitt zu ihrem Arbeitsplatz an, einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

„Ein tolles Format“, sagte Michael Füssel aus dem Vorstand des Caritasverbandes für das Kreisdekanat Warendorf. „In Bewegung kommt man leichter ins Gespräch.“ Er habe mit Verbandsvertretern genauso gut diskutieren können wie mit Kommunalpolitikerinnen oder Mitarbeitenden aus Caritas-Einrichtungen. Auch Birgit Stumm nutzte die innovative Form, Informationen zusammenzubringen und sich zu vernetzen. „Zu Fuß spricht sich einiges leichter an und aus“, sagte die ehrenamtliche Inklusionsbeauftragte der Stadt Sendenhorst.

„Ich hoffe, dass die heutigen Wegbegleiter ihre Erfahrungen vom heutigen Tag mit in ihre Arbeit vor Ort nehmen“, sagte Hopfenzitz nach dem abschließenden Rundgang durch die Freckenhorster Werkstätten. „Sie alle können sich in den gesellschaftlichen Veränderungen als Multiplikatoren für die Anliegen verletzlicher Gruppen einsetzen.“ Es könne so deutlich werden, dass „Soziales nicht nur das ist, was einem selbst hilft“, sondern eine solidarische Aufgabe, die „unsere Gesellschaft zusammenhält“.

Die Pilgeraktion der Caritas in NRW fand im Rahmen des Jahresthemas „Zusammen geht was. Caritas verbindet Generationen“ statt. Sie macht Station in den Diözesen von NRW, wo unterschiedliche Bereiche der Caritasarbeit im Mittelpunkt stehen. Schon am kommenden Freitag geht es im Erzbistum Paderborn auf die nächste Etappe.

Von Recke bis Recklinghausen, von Emmerich bis Lengerich – die Caritas im Bistum Münster ist für Menschen in Notsituationen da. Ob Jung oder Alt, Alleinstehend oder Großfamilie, mit Behinderung oder Migrationshintergrund, körperlicher oder psychischer Erkrankung. Unter dem Motto „Not sehen und handeln“ sind 80.000 hauptamtliche Mitarbeitende und 30.000 Ehrenamtliche rund um die Uhr im Einsatz. Für die Hilfe vor Ort sorgen 25 örtliche Caritasverbände, 18 Fachverbände des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und 3 des SKM – Katholischer Verein für Soziale Dienste. Hinzu kommen 57 Kliniken, rund 150 Einrichtungen der Behindertenhilfe, 205 Altenheime, 95 ambulante Dienste, 115 Tagespflegen, 27 Pflegeschulen, 89 Kindertageseinrichtungen und 22 stationäre Einrichtungen der Erziehungshilfe. Über 6.200 Teilnehmende nutzen jährlich die 350 Fort- und Weiterbildungsangebote des Diözesancaritasverbands.

Text: Michael Bönte

Caritas-Kampagne 2026: Zusammen geht was

Zukunft entsteht dort, wo Generationen Verantwortung füreinander übernehmen. Wenn Erfahrungen der Älteren und Perspektiven der Jüngeren zusammenkommen, wachsen Verständnis, Solidarität und faire Chancen für alle. Die Caritas bringt Menschen ins Gespräch, schafft Begegnungsorte und stärkt ein Miteinander, das niemanden zurücklässt.

Miteinander und füreinander – Fünf Anforderungen an einen starken Sozialstaat aller Generationen

  1. Miteinander Vertrauen stärken – für stabile Sozialversicherungen

Der Caritasverband setzt sich für eine Reform der Sozialversicherungen ein, die Vertrauen stärkt und die Zahlungs­bereitschaft der Jungen erhält, indem das Regelwerk neuen Arbeitsmarktrealitäten entsprechend und lebensverlauf­gerecht ausgestaltet wird.

Jeder Lebenslauf ist geprägt von Phasen der Erwerbsfähigkeit und Phasen, in denen wir in unserer eigenen Existenzsicherung auf Dritte angewiesen sind. Die gesetzliche Sozialversicherung übersetzt dieses Grundprinzip des Menschseins in eine mo­derne, solidarische Sozialstaatslogik. Gerade in der Renten- und Pflegeversicherung spüren wir, wie diese Mechanik in Zeiten demografischer Verschiebungen unter Druck gerät: Wenn die Babyboomer jetzt und in den kommenden Jahren in Rente ge­hen und häufiger pflegebedürftig werden, steigt die Belastung der Einzahlenden erheblich. Um das Vertrauen in das System und die Zahlungsfähigkeit der Jungen zu erhalten, müssen die, die verlässlich Beiträge eingezahlt haben, eine entsprechende Leistung erhalten, wenn sie auf sie angewiesen sind – ohne die Beitragszahler:innen von heute und morgen zu überfordern.

  1. Miteinander Chancen sichern – für eine starke Familien- und Bildungspolitik

Der Caritasverband setzt sich für eine starke Familien- und Bildungspolitik ein, die das Miteinander beider Bereiche fördert. Eine Kultur der Teilhabe und Solidarität stärkt die Resilienz des Aufwachsens in der analogen und digitalen Welt und lädt zur Mitverantwortung ein.

Unsere Teilhabechancen sind entscheidend von den ersten Le­bensjahren abhängig. Bildungs- und Arbeitsmarkterfolge sind noch immer stark durch die Möglichkeiten des Elternhauses ge­prägt. Eine starke Familien- und Bildungspolitik muss sich des­halb zum Ziel setzen, Familien bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu entlasten und Kinder durch qualitativ hochwertige Bildung und Betreuung in Kita und Schule zu befähigen, ihre Potenziale auf dem eigenen Lebensweg und für das Miteinander zu entfalten. Dazu gehört auch Kinder, Jugendliche, Eltern und Pädagogen in der Nutzung digitaler Tools so zu schulen, dass gemeinsam mit den Heranwachsenden für ihre Bedarfe stär­kende Antworten gefunden werden.

  1. Miteinander gegen Einsamkeit – für eine neue „Du-wirst-gebraucht-Kultur“

Der Caritasverband setzt sich für eine zugehörigkeitsstärken­de „Du-wirst-gebraucht-Kultur“ ein, die Menschen in jedem Lebensalter aus der Einsamkeit befreit und dem Druck entgegentritt, sich mit Gedanken an Suizid und Angeboten der Suizidassistenz auseinandersetzen zu müssen. Im Miteinander der Generationen liegt die Superkraft der Gesellschaft.

Alt und Jung leiden gleichermaßen unter diffusen Folgen der Corona-Zeit sowie negativen Folgen einer alle Lebensbereiche umfassenden Digitalisierung. Einsamkeit ist zu einer grassieren­den Realität der Vereinzelung geworden, die sich mit gesund­heitlichen Folgen und steigenden Zahlen von Suizidversuchen gerade unter jungen und hochaltrigen Menschen verbindet. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, nicht gebraucht zu werden oder sogar zur Last zu fallen, lähmt und verhindert tatkräftiges Engagement, wo es dringend gebraucht würde. Für alle Alters­gruppen und die unterschiedlichen Bedarfe gilt es, passende Angebote zur Einbindung zu schaffen.

  1. Miteinander Begegnungsräume schaffen – für Sozialräume für alle

Der Caritasverband setzt sich für den Erhalt einer lebensweltgerechten sozialen Infrastruktur ein, die Begegnungen im Sozialraum schafft und nicht zuletzt den Sozialraum Bahnhof als Aufenthaltsraum stärkt. Freiwilliges Engagement aller Generationen stärken wir als Kraftquelle des Miteinanders in Nachbarschaft und Gemeinde.

Innenstädte und Dorfzentren veröden, weil immer mehr Ein­zelhandelsgeschäfte schließen. Alt und Jung laufen im Alltag aneinander vorbei: Spaltend wirken digitale Räume, in denen der schöne Schein der wenigen den Alltag der vielen umso grauer erscheinen lässt. Öffentlicher Personen(nah)verkehr ist durch Barrieren aller Art – sowohl für Eltern mit Kinderwagen als auch für Senioren mit Rollator – oftmals keine Einladung zur Begegnung mehr. Nicht nur für Menschen, die als Kinder von Eingewanderten in Deutschland geboren und für die, die hier als Migranten alt geworden sind, sind lebendige Begegnungen über Generationen- und Ortsteilgrenzen hinweg wichtiger Teil gelingender Integration. Aus dem Miteinander in Begegnungs­räumen kann gesellschaftliche Krisenresilienz erwachsen.

  1. Miteinander Schöpfung bewahren – für eine nachhaltige Klimasozialpolitik

Der Caritasverband setzt sich für eine Klimasozialpolitik ein, die heute für morgen von einer Wirtschaftsweise, die auf der Nutzung fossiler Energien beruht, konsequent umsteuert zu einer neuen Form des Wirtschaftens, die Wohlstand der wenigen nicht zulasten der Armen erkauft.

Das Generationenmiteinander muss auch intertemporal und global gedacht werden. Klimawandel bleibt eine Bedrohung der Lebensgrundlagen der nächsten Generationen ebenso wie des guten Lebens vulnerabler Gruppen heute. Alt und Jung sind glei­chermaßen durch diese globale Dynamik bedroht. Klimaschutz und Klimafolgenanpassung gehören zu einer umfassenden Kli­masozialpolitik, die dafür Sorge trägt, dass diejenigen, die den Klimawandel besonders verursacht haben, auch in besonderer Weise zu seiner Eindämmung beitragen. Dazu braucht es das konzertierte Miteinander auf europäischer Ebene. Der Strom­spar-Check des Deutschen Caritasverbandes ist ein beispiel­haftes Leuchtturmprojekt, das zeigt, wie eine sozial gerechte Klimapolitik gelingen und wie Energiearmut wirksam vorgebeugt werden kann.

Aus: https://www.caritas.de/magazin/kampagne/caritas-verbindet-generationen/

  • Stefan Klinkhammer
  • Red
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