Seelische Ersthelfer in der Arbeitswelt


INFO: Seelische Belastungssituationen und psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Burnout sind zunehmend Ursache für Krankmeldungen in der Arbeitswelt. Die Anzahl der Fehltage aufgrund mentaler Gesundheitsprobleme steigt schnell und kontinuierlich. Verantwortungsbewusste Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen ergreifen vermehrt Maßnahmen, um die mentale Gesundheit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu fördern und die Arbeitsumgebung zu verbessern. Unser Angebot Die Evangelische Agentur hat deshalb in Kooperation mit der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) / Diözesanverband Hildesheim das Projekt „Gesagt.Gehört.Geholfen. Seelische Erste Hilfe in der Arbeitswelt“ konzipiert. Seit August 2025 bin ich als Projektkoordinatorin tätig und habe die Aufgabe, das Projekt ins Leben zu rufen und in die Tat umzusetzen. Die Kernidee des Projektes beinhaltet die Ausbildung von betriebsinternen Seelischen Ersthelfern und Ersthelferinnen, um für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen innerhalb eines Unternehmens einen Raum für vertrauliche 1:1 Begegnungen auf Augenhöhe zu schaffen. Ziel ist es, einen geschützten Gesprächsraum anzubieten, in dem benannt werden kann, was „auf der Seele liegt“. Der Kontakt kann keine Therapie ersetzen, aber es ist ein wichtiger erster Schritt: an die Stelle von Sprachlosigkeit oder Stigma tritt der persönliche Austausch. Manchmal kann schon ein einzelnes Gespräch entlasten, manchmal sind aber auch weiterführende Hilfsmaßnahmen sinnvoll, bei denen Seelische Ersthelfer und Ersthelferinnen Ideen einbringen können. Gegebenenfalls kann in einer akuten Krisensituation auch schnelles Handeln geboten sein. Im Fokus ist dabei stets der Gedanke der Hilfe zur Selbsthilfe. Dabei sind ausdrücklich Themen sowohl aus dem beruflichen Umfeld als auch aus dem Privatleben willkommen – denn beide Seiten sind in einem Menschen verbunden und prägen sein Gesamtleben. Was uns trägt. Erste Erfolge. Ausblick. „Gott ist uns Zuflucht und Stärke, ein bewährter Helfer in allen Nöten.“ / Psalm 46, 2. Das alte Bibelwort leitet mich bei diesem Engagement. Mit diesem Grundgedanken im Sinn sind mittlerweile erste Schritte gegangen, Kontakte geknüpft und Gespräche mit verschiedensten interessierten Menschen aus der Arbeitswelt geführt. Für 2026 planen wir die ersten Qualifizierungsmaßnahmen für Seelische Ersthelfer und Ersthelferinnen und den Ausbau des Netzwerkes. Die positive Resonanz ermutigt mich und alle am Projekterfolg Beteiligten sehr – die Kirche als Träger wird in vielen Rückmeldungen als authentisch, lebensnah und relevant bewertet.

Quelle: https://www.kab-hildesheim.de/fileadmin/user_upload/kab-hildesheim_de/PDF/140126_EA_Wortmeldung_Feb_KW_fin.pdf

Flyer über das Projekt: https://www.kab-hildesheim.de/fileadmin/user_upload/kab-hildesheim_de/PDF/06-11-25_Projekt_gesagt-gehoert-geholfen_fuer_web_.pdf

Kontakt: Gesagt. Gehört. Geholfen. – Projektkoordinatorin Katja Wischnewski – katja.wischnewski@bistum-hildesheim.de

Interview zum Projekt
Psychische Belastungen in der Arbeitswelt nehmen zu – Stress, Unsicherheit und Überforderung sind für viele Menschen Realität. Das ökumenische Projekt „Gesagt. Gehört. Geholfen.“ will hier ansetzen und für die Arbeitnehmer:innen mit Unterstützung ihrer Arbeitgeber:innen einen geschützten Raum für Gespräche schaffen. Wir haben nachgefragt bei Projektkoordinatorin Katja Wischnewski.

Frau Wischnewski, was verbirgt sich hinter dem Projekt „Gesagt. Gehört. Geholfen.“?
Der Projekt-Grundgedanke ist, in der Arbeitswelt Erste Hilfe für die seelische Gesundheit anzubieten. Vertraulich, kollegial, niedrigschwellig.

Was verstehen Sie unter „Seelischer Erster Hilfe“ in der Arbeitswelt – und wie unterscheidet sich das von klassischer Seelsorge oder Therapie?
Wie auch im Fall von körperlicher Erster Hilfe, kann es akuten Hilfsbedarf für Verletzungen oder Erkrankungen der Seele geben. Daher sehen wir die Seelische Erste Hilfe sozusagen als mentale Entsprechung der bekannten physischen „Ersthelfer“-Arbeit. Seelische Ersthelfer:innen sind vertrauliche Ansprechpartner:innen mit spezieller Zusatzqualifikation.

Ob dann im Gespräch, um im Erste-Hilfe-Bild zu bleiben, ein „Pflaster“ schon genügt, wie zum Beispiel einfach nur „Zuhören“, oder weiterführende Maßnahmen hilfreich sind, kann vertraulich unter vier Augen bzw. Ohren eruiert werden. Das kann dann nachfolgend durchaus beispielsweise klassische Seelsorge oder Therapie oder auch eine anderes Unterstützungsangebot durch Dritte sein.

Wie ist die Idee zu diesem Angebot entstanden?
Wegen der Zunahme psychischer Belastungen am Arbeitsplatz und der steigenden Bedeutung mentaler Gesundheit hat der KAB Diözesanverband Hildesheim das Projekt einer Arbeitnehmer:innenseelsorge zum Schließen der bisherigen diesbezüglichen Angebotslücke entwickelt. Durch das Schaffen einer Anlaufstelle für Arbeitnehmer:innen in seelsorgerischen Angelegenheiten wird ein Angebot geschaffen, das die mentalen Bedürfnisse der Arbeitsnehmenden in den Blick nimmt.

Konzeptionelle Vorlage war der betriebliche Unfallschutz für physische Gesundheit, sozusagen „übersetzt“ auf den Bereich der psychischen Gesundheit. Aus dem Sozialprinzip der Subsidiarität möchten wir Ersthelfer:innen befähigen, anderen zu helfen und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Damit schaffen wir ein niederschwelliges Angebot, dass durch Netzwerke getragen wird.

Wer ist Träger des Projekts?
Das Projekt ist eine ökumenische Kooperation der Katholischen Arbeitsnehmer-Bewegung (KAB) – Diözesanverband Hildesheim mit der Evangelischen Agentur der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers (Team Arbeit und Wirtschaft). Das Bistum Hildesheim unterstützt diese Kooperation und das Projekt. Das Projekt selbst ist interreligiös und somit offen für ALLE Menschen – unabhängig von Konfession oder Religion.

Was hat Sie persönlich motiviert, die Leitung dieses Projekts zu übernehmen?
Nach langen Jahren im Management habe ich mich nach intensiver Reflexion meiner persönlichen Ziele für die nächste berufliche Phase umorientiert. Ich bin im gemeinnützigen Umfeld tätig und auf der Suche nach einer sinnstiftenden Tätigkeit auf das Projekt aufmerksam geworden.

Der innovative Charakter und die Möglichkeit, die Aufbauphase eigenverantwortlich mit großen Gestaltungsspielraum selbst in die Hand zu nehmen, unterstützt von dem engagierten kirchlichen Umfeld, finde ich großartig. An der Schnittstelle zwischen Arbeitswelt und Kirche zu arbeiten ist für mich die ideale Möglichkeit, meine Expertise aus dem Berufsleben werteorientiert und sinnstiftend einzubringen. Gleichzeitig lerne ich jeden Tag Neues, was mir wichtig ist. Zudem kann ich die Projektidee lösungsorientiert gestalten und Schritt für Schritt praktisch zum Leben bringen.

Warum ist es gerade jetzt wichtig, ein solches Angebot zu schaffen? Welche Entwicklungen in der Arbeitswelt haben Sie beobachtet?
Beobachtet – und auch selbst erlebt – habe ich kontinuierlich zunehmende Dynamik in der Arbeitswelt, was viele Möglichkeiten bietet, gleichzeitig aber auch sehr fordernd sein kann. Digitalisierung, Transformationsprozesse, Gesundheit, Pflege, Finanzen sind nur einige Beispiele für potenziell schwierige Arbeits- und Privatthemen. Das in Einklang zu bringen und die richtigen Prioritäten zu setzen ist nicht immer leicht. Auch durch unbeeinflussbare äußere Faktoren kann es einmal eine berufliche oder private Krise geben. So vielfältig das Leben der Menschen ist, so vielfältig sollten auch Hilfsangebote für diese Situationen sein. Unser Projekt-Hilfsangebot ist einzigartig mit seinem Fokus für Gesprächsräume in der Arbeitswelt und in dem kollegialen Ansatz.

Kern der Idee ist eine menschliche, haltungsorientierte Unterstützung im Sinne der christlichen Nächstenliebe. Aber natürlich zahlt das neben dem generellen Verantwortungsbewusstsein ganz offen gesagt auch auf Arbeitgeberattraktivität ein, die nicht zuletzt in Zeiten von Fachkräftemangel sehr bedeutsam ist. Am Projekt teilnehmende Arbeitgeber ermöglichen ernsthaft und sichtbar konkrete Unterstützung für die mentale Gesundheit aller Beschäftigten.

Gibt es bereits Unternehmen, die sich beteiligen?
Wir sind in der jetzigen Projektaufbauphase mit ersten Unternehmen und interessierten Ersthelfer:innen im Gespräch und möchten so bald wie möglich mit Pilotgruppen starten. Gleichzeitig ist es wichtig, vor Beginn sicherzustellen, dass ein gemeinsames Verständnis über die zukünftigen Aktivitäten besteht. Das Angebot ist nicht auf kurzfristigen Erfolg angelegt, sondern soll nachhaltig wirken. Daher nehmen wir uns die Zeit, die es braucht, bis wir mit Unternehmen bzw. interessierten Ersthelfer:innen eine verbindliche Vereinbarung treffen.

Wie werden die seelischen Ersthelfer:innen ausgewählt und ausgebildet?
Für seelische Ersthelfer:innen ist dies eine tolle Möglichkeit, über eine Schulung zu kompetenten Gesprächspartner:innen aus- bzw. weitergebildet zu werden, so auch die eigene soziale Kompetenz, Gesprächsführung und Resilienz zu stärken und dies dann in dem vertraulichen und kollegialen Umfeld einzubringen.
Eigenschaften wie eine stabile Persönlichkeit, die Fähigkeit, in kritischen Situationen handlungs- und urteilsfähig zu sein, absolute Vertrauenswürdigkeit sowie Toleranz und Einschätzungsfähigkeit der eigenen Stärken und Grenzen machen gute Ersthelfer:innen aus.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Wir sind in der Startphase – da liegt die Herausforderung in der zielgerichteten und bedarfsgerechten Ausgestaltung des Angebots sowie in der Ansprache und Auswahl der Unternehmen und potenziellen Ersthelfer:innen. Parallel ist der Netzwerkaufbau unter Projektteilnehmern wie -unterstützern ein begonnenes und dauerhaft wichtiges Arbeitsfeld.

Zudem ist die kontinuierliche Unterstützung seitens der Träger über den gesamten Projektverlauf erfolgskritisch, um dem Projekt dauerhaft den Freiraum für Ausgestaltung zu geben und den begonnenen Netzwerkaufbau zu ermöglichen und zu unterstützen. An dieser Stelle sage ich ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten und danke auch ausdrücklich für dieses Interview – ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit.

Wann ist das Projekt für Sie erfolgreich? Welche konkreten Ziele möchten Sie in den ersten zwölf Monaten erreichen?
Im nächsten Jahr möchten wir einen Piloten durchführen, und die ersten seelischen Ersthelfer:innen in geeigneten Unternehmen ausbilden. Das ist der Beginn der konkreten Arbeit und wird ein wichtiger Meilenstein sein. Die Erfahrungen daraus werde ich dann mit den Beteiligten intensiv austauschen und in die weitere Projektarbeit einfließen lassen, um das Angebot in der Folgezeit kontinuierlich zu optimieren und auszuweiten.

(Das Gespräch führte Cornelia Hanne, Referentin Interne Kommunikation – KAB Diözesanverband Hildesheim – Quelle: https://www.kab-hildesheim.de/themen/gesagt-gehoert-geholfen )

  • 24.04.2026
  • Stefan Klinkhammer
  • Red
Seelische Ersthelfer in der Arbeitswelt
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