Spiritualität der Narren

INFO: Die zumeist in ursprünglich in katholisch geprägten Regionen veranstalteten „närrischen Tage“ vor der am Aschermittwoch beginnenden Fastenzeit heißen im Rheinland Karneval, in Mainz und Umgebung Fastnacht, im schwäbisch-alemannischen Gebiet Fasnet und im bayrisch-österreichischen Raum Fasching. „Domenica ante carnes tollendas“ nannte die Kirche den „Sonntag vor der Fleischenthaltung“ früher, das Wort „Fastnacht“ ist seit dem 12. Jahrhundert im Mittelhochdeutschen bekannt. Seit dem 13. und 14. Jahrhundert gehören Gastmähler, Trinkgelage, Reiter- und Tanzspiele zu dieser Zeit, in der die bestehende Ordnung außer Kraft gesetzt und im Narrengewand verspottet wird. Die Geistlichkeit billigte den Wunsch der Laien nach „leiblichen Genüssen“ vor der harten Fastenzeit und unterstützte die Entfaltung des Festes. Papst Sixtus IV. (1471-1484) ließ sogar die Gehälter der Universitäts-Lektoren mit drei Prozent besteuern, um Karnevalsfeiern zu finanzieren.

Anders die Reformatoren: Sie hatten das vorösterliche Fasten abgeschafft und wollten das vorangehende „äußerst unfromme Spektakel“ (Martin Luther) nicht dulden. Höhepunkte der närrischen Zeit („Session“), die offiziell am 11. November begonnen hat und bis Aschermittwoch dauert, sind Weiberfastnacht am Donnerstag vor Aschermittwoch, der Karnevalssamstag und -sonntag, sowie der Rosenmontag mit seinen farbenprächtigen Umzügen und der Veilchendienstag. Der Aschermittwoch ist ein variabler Termin, der sich von Ostern her errechnet. Ihm geht im christlichen Festkalender die österliche Fastenzeit (Quadragesima) voraus, deren Länge von 40 Tagen auf das Fasten Jesu in der Wüste (Mt 4, 2) und weitere Termine aus dem Alten Testament zurückgeht. Seit Ende des 11. Jahrhunderts werden die Katholiken in den Gottesdiensten am Aschermittwoch mit einem Aschenkreuz bezeichnet. Die aus gesegneten Palmzweigen gewonnene Asche gilt als Symbol der Trauer und Buße, steht aber zugleich für die Hoffnung der Christen auf Auferstehung. Der Aschermittwoch ist neben dem Karfreitag der einzige Tag, der in der katholischen Kirche als strenger Fastentag gilt.

Spiritualität der Begegnung – konkret: Wie sehr die Welt der Narren und das ausgelassene Treiben in der „5. Jahreszeit“ von der christlichen Spiritualität geprägt sind, beschreibt Peter Krawietz, selbst ein profilierter Narr in der Mainzer Fastnacht und Vizepräsident im Bundesvorstand des „Bund deutscher Karneval“. Er studierte Anglistik, Amerikanistik, Geschichte und Philosophie in Mainz und den USA, war Gymnasiallehrer und von 1995–2010 Kultur- und Schuldezernent der Stadt Mainz, u.a. auch Präsident der Carl-Zuckmayer-Gesellschaft, ist Ehrendoktor der Burdenko-Universität in Woronesch/Russland und engagiert in einer Reihe von kirchlichen Ämtern und Aufgaben. Witzig, informativ und mit einem Augenzwinkern nimmt er mit dem gut 100-seitigen Buch mit in die Hochburgen der närrischen Jahreszeit. Er führt ein in den tieferen Sinn der Rituale der Fastnacht und lässt teilhaben an den Emotionen von Karnevalsbegeisterten. Ein Blick hinter die Kulissen der Karnevalsgeschichte zeigt, wie sich das Bild des Narren durch die Jahrhunderte wandelte und wie es zu dem heutigen launigen Treiben kam.
Das Buch: Krawietz, Peter: „Spiritualität der Begegnung – konkret“, 104 Seiten, gebunden, € 14,90, ISBN 978-3-429-06739-7, 2. Auflage in Arbeit, herausgegeben von Bernhard Brantzen, Hubertus Brantzen, Ulrike Kostka und Markus Vogt.

  • 28.01.2026
  • Christof Beckmann
  • Red
Spiritualität der Narren
  • Spiritualität der Narren