15. Mai 1891 seine Enzyklika „Rerum novarum“ – „Über die Arbeiterfrage“.
Sie machte ihn nicht zuletzt in Deutschland überaus populär und ist
Grundlage aller seitdem zum Thema erschienenen offiziellen
Verlautbarungen der Kirche. Sein von vielen Seiten damals angefeindeter
Standpunkt widersprach sowohl deutlich dem wilden Kapitalismus als auch
dem radikalen Sozialismus: Ideologien, Gewalt und Aufstand, so Papst
Leo, helfen nicht weiter, wenn es gegen soziale Ungerechtigkeit geht.
Denn jeder Mensch habe nach geleisteter Arbeit schon das natürliche
Recht auf gerechten Lohn. Revolution sei keine Lösung – gefragt sei eine
gute staatliche Sozialpolitik, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist.
Dazu gehörten auch der Schutz der Menschenwürde, das Recht auf
Privateigentum, die Sonntagsruhe, der Schutz der Familie, Überwachung
der Arbeitsverhältnisse besonders für Frauen und Kinder, Schutz und
Rücksicht auf Wohlergehen, Alter und Geschlecht und vieles mehr, was uns
heute selbstverständlich erscheint.
Die „Magna Charta“ für die Entwicklung der Katholischen Soziallehre
antwortete auf die dramatischen Veränderungen politischer,
wirtschaftlicher und sozialer Art, die Entstehung von
Klassengesellschaften und die Ohnmacht der Arbeiterschaft. Sie geht
einen von Liberalismus und Sozialismus unabhängigen „Dritten Weg“. Der deutsche Text der Enzyklika „Rerum Novarum “ auf http://theol.uibk.ac.at/leseraum/quelltext/320.html .
Auf sie beziehen sich auch die folgenden Enzykliken „Quadragesimo
anno“ von Pius XI. (1931), „Mater et magistra“ von Johannes XXIII.
(1961) und „Octogesima adveniens“ von Paul VI. (1971), die jeweils am
Jahrestag der Rerum Novarum Sozialenzykliken veröffentlicht wurden.
Papst Johannes Paul II. nahm den 90. wie auch den 100. Jahrestag zum
Anlass, ebenfalls Sozialenzykliken zu veröffentlichen: „Laborem
exercens“ (1981) und „Centesimus Annus“ (1991). Papst Benedikt XVI.
(2005-2013) legte 2009 unter dem Titel „Caritas in veritate“ (Die Liebe
in der Wahrheit) grundsätzliche Feststellungen über die Folgen der
Globalisierung und der Wirtschafts- und Finanzkrise für das menschliche
Zusammenleben vor und bezog sich stark auf die 1967 erschienene
Enzyklika „Populorum progressio“. Die aktuelle erste päpstliche
„Umweltenzyklika“, die Papst Franziskus unter dem Namen „Laudato si“
veröffentlichte (2015) gilt als eine „grüne Sozialenzyklika“ und
vertritt eine „ganzheitliche Ökologie“ aus der Sicht der Ärmsten. Denn
über Umweltschutz, so Papst Franziskus, können man nicht sprechen, ohne
soziale Gerechtigkeit, das globale Wirtschaftssystem, die
Flüchtlingsproblematik und die Menschenrechte in den Blick zu nehmen.
Enzykliken sind als päpstliche Lehrschreiben an die katholische
Weltkirche, oft auch an „alle Menschen guten Willens“, also auch an
Nichtkatholiken, gerichtet. Die Schreiben beanspruchen ein hohes Maß an
Verbindlichkeit, werden in der katholischen Kirche als Ausdruck der
obersten Lehrgewalt des Papstes verstanden, sind aber keine unfehlbaren
Lehrentscheidungen im dogmatischen Sinn.
Unser Gesprächspartner: Prof. Dr. Joachim Wiemeyer,
geb. 1954 in Bad Rothenfelde/Osnabrück, studierte Volkswirtschaftslehre,
Politikwissenschaft und Katholischen Theologie in Münster. Er ist seit
dem 1.10.1998 Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Gesellschaftslehre
an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Er
ist Dipl.-Volkswirt, wurde in Volkswirtschaftlehre promoviert, ist
Lizentiat in Kath. Theologie und habilitierte sich 1997 im Fach
Christliche Sozialwissenschaften (Kath. Theol.). Über das Institut für
Genossenschaftswesen in Münster und das Institut für Christliche
Sozialwissenschaften, die Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und
Sozialethik“ bei der Deutschen Bischofskonferenz und die Kath.
Fachhochschule Norddeutschland in Osnabrück & Vechta kam er 1998
nach Bochum und war 2000-2006 Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der
Professoren für Christliche Sozialethik in Deutschland. Er gehört
zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften an. Die letzte
Buchveröffentlichung von Joachim Wiemeyer: Keine Freiheit ohne
Gerechtigkeit. Christliche Sozialethik angesichts globaler
Herausforderungen, Freiburg im Breisgau: Verlag Herder 2015,303S.,
ISBN978-3-451-33713-0, ca. 24,99 Euro.
Kontakt: Ruhr-Universität Bochum,
Katholisch-Theologische Fakultät, Lehrstuhl für Christliche
Gesellschaftslehre, Tel. 0234/ 32-22615, Fax 0234 / 32-14461, Raum: GA
7/135, E-Mail: joachim.wiemeyer@rub.de, Internet: http://www.ruhr-uni-bochum.de/cgl/

